Wenn du das Wort âIndianerâ hörst, kommen dir wahrscheinlich bestimmte Bilder in den Sinn: Tipis, Federhauben, BĂŒffeljagd. Doch diese Bilder erzĂ€hlen nur einen winzigen Teil einer unglaublich vielfĂ€ltigen und komplexen Geschichte. Die Ureinwohner des amerikanischen Doppelkontinents â von den Inuit im eisigen Norden bis zu den Mapuche im SĂŒden Chiles â waren und sind keine homogene Masse. Sie sind Hunderte von einzigartigen Nationen, mit eigenen Sprachen, Kulturen, Glaubenssystemen und Lebensweisen. Dieser Artikel ist deine freundliche und fundierte Einstiegshilfe. Wir rĂ€umen mit den gröĂten Mythen auf und geben dir einen Ăberblick, der Lust auf mehr macht.
nicht">Der erste Mythos: âDer Indianerâ gibt es nicht
Der vielleicht wichtigste Punkt zu Beginn: Es gab und gibt nicht âdie Indianerâ. Diese Bezeichnung ist ein kolonialer Sammelbegriff, der auf einem geografischen Irrtum von Christoph Kolumbus basiert. In Wirklichkeit lebten auf dem Kontinent vor 1492 schĂ€tzungsweise 50 bis 100 Millionen Menschen, verteilt auf ĂŒber 500 verschiedene Völker und Sprachfamilien. Der Unterschied zwischen einem Hopi-Bauer im heutigen Arizona und einem Irokesen-JĂ€ger im Nordosten war gröĂer als der zwischen einem Portugiesen und einem Russen. Wir sollten also stets von âindigenen Völkern Amerikasâ oder konkret von der jeweiligen Nation (z.B. Lakota, Cherokee, Maya) sprechen.
Eine Landkarte der Vielfalt: Kulturen vor dem Kontakt
Um die enorme Bandbreite zu verstehen, hilft eine grobe geografische und kulturelle Einteilung. Denke an Nordamerika vor 1492 nicht als âleeres Landâ, sondern als eine Welt voller unterschiedlicher Zivilisationen:
- Die Jagd- und Sammelkulturen der GroĂen Ebenen: Hier lebten Völker wie die Lakota, Cheyenne und Comanche. Ihre mobile Lebensweise in Tipis und ihre AbhĂ€ngigkeit vom Bison entwickelten sich erst vollstĂ€ndig, nachdem sie durch europĂ€ische Pferde (die im 16. Jh. zurĂŒckverwilderten) eine revolutionĂ€re MobilitĂ€t erhielten. Vorher waren viele von ihnen sesshafter.
- Die Pueblo-Völker des SĂŒdwestens: Die Hopi, Zuñi und andere waren meisterhafte Ackerbauern, die in mehrstöckigen Lehmziegel-Siedlungen (Pueblos) lebten, komplexe BewĂ€sserungssysteme bauten und eine reiche zeremonielle Kultur pflegten.
- Die Waldland-Kulturen im Nordosten: Völker wie die Irokesen (Haudenosaunee) und Algonkin lebten in LanghĂ€usern, betrieben Landwirtschaft (Mais, Bohnen, KĂŒrbis â die âdrei Schwesternâ) und hatten hochkomplexe politische BĂŒndnisse (die Irokesen-Konföderation).
- Die Hochkulturen Meso- und SĂŒdamerikas: Dies waren keine âIndianerâ im nordamerikanischen Sinn, sondern mĂ€chtige Zivilisationen: Die Maya mit ihrer Schrift und Astronomie, die Azteken mit ihrer riesigen Metropole Tenochtitlan, und die Inka mit ihrem straff organisierten Reich entlang der Anden. Sie bauten Pyramiden, entwickelten Kalender und hatten Millionen von Einwohnern.
- Die KĂŒstenkulturen des Nordwestens: Völker wie die Tlingit, Haida und Kwakiutl lebten in reichen, hierarchischen Gesellschaften an der pazifischen KĂŒste. Sie waren berĂŒhmt fĂŒr ihre TotempfĂ€hle, kunstvollen Decken und ihre auf Lachs und Walfang basierende Wirtschaft.
Diese AufzĂ€hlung ist nur ein grober Ausschnitt â sie zeigt aber, dass es âdie eineâ Indianerkultur nie gegeben hat.
Gemeinsamkeiten jenseits der Unterschiede
Trotz aller Unterschiede lassen sich einige ĂŒbergreifende Prinzipien finden, die viele (nicht alle) dieser Kulturen prĂ€gten und sie grundlegend von der europĂ€ischen KolonialmentalitĂ€t unterschieden:
- Verwandtschaft mit der Natur: Die Welt wurde nicht als Ressource, sondern als ein Netz von Verwandtschaftsbeziehungen gesehen. Tiere, Pflanzen und sogar Orte hatten einen Geist und wurden mit Respekt behandelt.
- Gemeinschaft vor Individualismus: Das Wohl der Sippe, des Clans oder des Dorfes stand oft ĂŒber dem des Einzelnen. Entscheidungen wurden hĂ€ufig im Konsens getroffen.
- MĂŒndliche Tradition: Wissen, Geschichte und SpiritualitĂ€t wurden nicht in BĂŒchern, sondern durch Geschichten, Lieder und Rituale von Generation zu Generation weitergegeben. Dies machte das Wissen lebendig, aber auch anfĂ€llig fĂŒr Verlust.
- Zyklisches ZeitverstÀndnis: Die Zeit wurde oft nicht als gerade Linie vom Anfang zum Ende, sondern als sich wiederholender Kreis von Jahreszeiten und Generationen verstanden.
Was ist nach 1492 passiert? Der Bruch der Welt
Die Ankunft der EuropĂ€nder war keine âEntdeckungâ, sondern eine Invasion, die fĂŒr die indigenen Völker katastrophale Folgen hatte. Drei Faktoren fĂŒhrten zum Zusammenbruch ganzer Zivilisationen:
- Krankheiten: Eingeschleppte Seuchen wie Pocken, Masern und Grippe, gegen die die Menschen keine ImmunitĂ€t hatten, rafften schĂ€tzungsweise 90% der Bevölkerung dahin. Ganze Dörfer starben aus, bevor ĂŒberhaupt ein EuropĂ€er sie zu Gesicht bekam.
- Krieg und Vertreibung: Landraub, brutale Kriege und systematische Vertreibung (wie der âTrail of Tearsâ der Cherokee) zerstörten Lebensgrundlagen und soziale Strukturen.
- Kultureller Genozid: Missionierung, Verbote von Sprachen und Ritualen sowie die erzwungene Unterbringung von Kindern in Internaten (Residential Schools) zielten darauf ab, die indigene IdentitÀt auszulöschen.
Dieses Trauma und dieser Widerstand prÀgen die Geschichte der Ureinwohner bis heute.
Die Ureinwohner heute: Widerstand, Renaissance und moderne IdentitÀt
Die indigenen Völker Amerikas sind nicht verschwunden. Sie sind lebendige, resiliente Gemeinschaften im 21. Jahrhundert. Sie kĂ€mpfen weiterhin fĂŒr ihre Rechte, die Anerkennung von LandvertrĂ€gen und den Schutz ihrer heiligen StĂ€tten (z.B. bei der Dakota Access Pipeline). Gleichzeitig erleben Sprache, Kunst und traditionelles Wissen eine beeindruckende Renaissance. Ein moderner Ureinwohner kann gleichzeitig ein Softwareentwickler, ein Anwalt fĂŒr Stammesrecht und ein Teilnehmer an traditionellen SonnentĂ€nzen sein. Ihre IdentitĂ€t ist komplex und wurzelt sowohl in der Tradition als auch in der Gegenwart.
Was du als Einsteiger tun kannst
- PrĂ€zise Sprache verwenden: Sage âindigene Völkerâ oder nenne konkret das Volk (z.B. Navajo, Cree). Vermeide veraltete und stereotype Begriffe.
- Von den Menschen selbst hören: Lies BĂŒcher von indigenen Autor:innen (z.B. Tommy Orange, Louise Erdrich, Vine Deloria Jr.), sieh dir Filme von indigenen Filmemachern an oder folge indigenen Aktivisten und KĂŒnstlern in sozialen Medien.
- Klischees hinterfragen: Erkenne, dass die meisten Bilder in Popkultur und Werbung stark vereinfacht oder falsch sind. Frage dich: Wer hat dieses Bild gemacht und mit welcher Absicht?
- Respektvolles Interesse zeigen: Es ist in Ordnung, neugierig zu sein und lernen zu wollen. Wichtig ist die Haltung: Lerne von indigenen Kulturen, nicht ĂŒber sie, und eigne dir nicht einfach spirituelle Symbole oder Rituale an.
- Anerkennen, dass Geschichte nicht vorbei ist: Die Folgen von Kolonialismus und Landraub sind heute noch spĂŒrbar. Ein Bewusstsein dafĂŒr zu entwickeln, ist der erste Schritt zu einem respektvolleren Miteinander.
Fazit: Der Anfang einer Reise
Dieser Ăberblick ist nur die erste Seite eines riesigen Buches. Die wahre Geschichte der Ureinwohner Amerikas ist eine Geschichte von atemberaubender kultureller Vielfalt, von tiefem philosophischem Wissen ĂŒber das Gleichgewicht mit der Erde und von unglaublicher Widerstandskraft gegen einen beispiellosen historischen Sturm. Indem du anfĂ€ngst, die Klischees beiseitezurĂ€umen und die RealitĂ€t anzuerkennen, ehrist du diese Geschichte und ihre lebendigen TrĂ€ger. Dein Weg als âEinsteigerâ fĂŒhrt dich weg von einfachen Cowboys-und-Indianer-Geschichten hin zu einer der faszinierendsten und wichtigsten Menschheitsgeschichten ĂŒberhaupt. Die Reise lohnt sich.