In einer Welt, die „mehr“ mit „besser“ gleichsetzt, wirkt die Idee, mit wenig Besitz zu leben, wie ein radikaler Gegenentwurf. Für viele indigene Kulturen war und ist dieser Weg jedoch keine Notlösung, sondern die bewusste Grundlage für ein freieres, sinnerfüllteres Leben. Während unsere moderne Freiheit oft als Wahl zwischen Konsumoptionen definiert wird, zeigt uns indigene Weisheit eine Freiheit von – von Last, von Abhängigkeit, von der ständigen Sorge um Dinge. Dieser Artikel erkundet, wie diese uralten Prinzipien uns heute einen Kompass bieten können, um inmitten der Überflussgesellschaft zu echter Beweglichkeit und innerem Reichtum zu finden.
Freiheit neu definiert: Mobilität vs. Anhaftung
Für viele mobile Jäger-und-Sammler-Kulturen, wie die Völker der nordamerikanischen Plains vor der Reservationszeit, war physische und soziale Beweglichkeit überlebenswichtig. Ihr Besitz war darauf ausgelegt: die Tipi-Behausung, die in einer Stunde ab- und aufgebaut werden konnte; Gebrauchsgegenstände aus natürlichen, vor Ort verfügbaren Materialien; nur das, was man selbst tragen oder auf einem Pferd transportieren konnte. Diese „Freiheit zur Bewegung“ war direkt mit einer „Freiheit von Besitzlast“ verbunden. Sie konnten den Jahreszeiten folgen, den Büffelherden nachziehen und bei Konflikten einfach weiterziehen. Ihre Freiheit war keine abstrakte Idee, sondern eine gelebte, körperliche Realität. Im Kontrast dazu bindet uns umfangreicher Besitz oft an einen Ort, eine Hypothek, einen Job – und schränkt unsere reale Handlungsfreiheit ein.
Drei indigene Prinzipien für einen freieren Umgang mit Besitz
1. Der Kreis des Gebens: Besitz als fließende Energie
In vielen indigenen Gesellschaften zirkulieren Güter. Das bekannteste Beispiel ist das Potlatch-Fest der Küstenvölker im Pazifischen Nordwesten, bei dem ein Häuptling seinen Reichtum nicht hortet, sondern durch großzügiges Verschenken an die Gemeinschaft sein Ansehen mehrt. Hier ist Besitz kein statischer Endpunkt („Das gehört mir“), sondern eine dynamische, soziale Energie. Etwas zu besitzen bedeutet, die Verantwortung und die Fähigkeit zu haben, es weiterzugeben, wenn die Gemeinschaft es braucht. Diese Haltung löst die Anhaftung am Objekt auf und verwandelt Besitz in eine Handlung der Verbindung und des Prestiges durch Großzügigkeit.
2. Alles ist geliehen: Die Haltung des Hüters, nicht des Besitzers
Tiefer als das Konzept des Besitzens liegt in indigenem Denken oft das Konzept des „Hütens“ oder „Bewahrens für die nächsten Generationen“. Das Land, die Flüsse, die Tiere – man „besitzt“ sie nicht, man ist ihr zeitweiliger Hüter. Diese Haltung lässt sich auf materielle Dinge übertragen: Ein Werkzeug, ein Kleidungsstück, ein Gefäß wird mit Respekt behandelt, weil es ein wertvolles Glied in einer Kette ist, das vor dir da war und nach dir weitergegeben wird. Es entlastet von der Illusion der dauerhaften Kontrolle und ersetzt sie durch eine ehrfürchtige Verantwortung.
3. Genug ist genug: Das Prinzip der Suffizienz
Die Jagdethik vieler Völker lehrte, nur so viel zu nehmen, wie man für die eigene Familie und Gemeinschaft benötigt. Den Rest ließ man für die Regeneration der Tierpopulation und für andere Wesen. Dieses Prinzip der Suffizienz („Genügsamkeit“) ist ein mächtiger Gegenpol zum Wachstumsdogma. Es fragt nicht: „Wie kann ich mehr bekommen?“, sondern: „Wann habe ich genug, um gut und sicher zu leben?“ Diese Frage auf unseren materiellen Besitz anzuwenden, befreit von der endlosen Jagd nach dem Nächsten, dem Neuen, dem Mehr.
Praktische Schritte: Wie wir diese Prinzipien in unser modernes Leben integrieren können
- Die „Beweglichkeits“-Prüfung: Stelle dir eine hypothetische Situation vor: Du müsstest aus wichtigem Grund innerhalb von 24 Stunden umziehen, mit nur zwei Koffern. Was würdest du mitnehmen? Die Dinge auf dieser Liste sind dein essenzieller „Besitz“. Alles andere kann auf seinen wahren Wert und seine Last hin befragt werden.
- Den Kreislauf aktivieren – eine „Giveaway Box“: Lege eine Kiste in einen Schrank. Wenn du etwas besitzt, das gut erhalten, aber nicht mehr in Gebrauch ist (Kleidung, Bücher, Küchengerät), kommt es in die Kiste. Sobald sie voll ist, gib sie ungefragt an einen Freund, eine Nachbarin oder eine soziale Einrichtung weiter – als modernes, kleines Potlatch.
- Vom Besitzer zum Hüter werden: Wähle drei wertvolle Gegenstände in deinem Zuhause (z.B. ein Möbelstück, ein Buch, ein Werkzeug). Reflektiere: Wer könnte es nach dir gut gebrauchen? Mach es dir bewusst, dass du es nur für eine Zeitlang „hütest“. Diese Haltung verändert die Beziehung zum Objekt.
- Die „Genug“-Linie definieren: Wähle eine Kategorie (z.B. T-Shirts, Schuhe, Kochtöpfe). Zähle, was du hast. Setze dann eine realistische, für dich ausreichende Obergrenze (z.B. „7 T-Shirts sind genug“). Alles, was darüber hinausgeht, wird Teil deiner Giveaway-Box.
- Erfahrung über Besitz stellen: Investiere Zeit und Ressourcen bewusst mehr in geteilte Erfahrungen (ein gemeinsames Essen, einen Ausflug, einen Workshop) als in den Kauf neuer Dinge. Die Erinnerung daran ist ein „Besitz“, der nicht wiegt, keinen Platz braucht und dich reicher macht.
Für wen ist diese Perspektive eine Befreiung?
- Überforderte in übervollen Haushalten: Menschen, die das Gefühl haben, von ihren eigenen Sachen erdrückt zu werden und nach einer sinnvollen, nicht nur ordnenden, Methode des Ausmistens suchen.
- Anhänger von Minimalismus und einfachem Leben: Die nach einer tieferen philosophischen und kulturellen Grundlage für ihren Lebensstil jenseits von Ästhetik und Effizienz suchen.
- Menschen in Identitätskrisen: Die bemerken, dass sie sich zu sehr über ihren Besitz definieren und nach einer authentischeren Quelle des Selbstwertes suchen.
- Umweltbewusste Konsumenten: Die die ökologische Last ihres Konsums spüren und nach einer ethischen und geistigen Haltung suchen, die über Recycling hinausgeht.
- Alle, die sich nach mehr Leichtigkeit und Entscheidungsfreiheit sehnen: Die spüren, dass ihre finanziellen Verpflichtungen und ihr materieller Ballast sie von Träumen und spontanen Lebensänderungen abhalten.
Häufige Einwände und Fragen
War das nicht einfach nur Armut und Mangel?
Das ist ein entscheidender Unterschied. Armut ist der unfreiwillige Mangel an notwendigen Ressourcen. Die hier beschriebene Einfachheit ist eine kulturell gewählte und wertgeschätzte Lebensweise, die Reichtum in anderen Bereichen schafft: in sozialen Beziehungen, in freier Zeit, in spiritueller Tiefe und in Verbindung zur Natur. Es geht um Fülle durch Reduktion, nicht um Entbehrung.
Funktioniert das in unserer komplexen, technologischen Welt überhaupt?
Wir müssen die Prinzipien übersetzen, nicht die Lebensweise kopieren. Niemand muss in einem Tipi leben. Aber wir können das Prinzip der Beweglichkeit anwenden, indem wir unsere Ausgaben und Verträge reduzieren. Wir können das Prinzip des Hütens anwenden, indem wir langlebige, reparaturfähige Dinge kaufen. Wir können das Prinzip des Gebens in unseren Gemeinschaften leben. Die Essenz ist anpassbar.
Verurteilt das nicht jeden, der schöne Dinge besitzen möchte?
Überhaupt nicht. Es geht nicht um Askese oder Verurteilung. Es geht um Bewusstheit und Wahlfreiheit. Die Frage ist: Besitze ich den Gegenstand, oder besitzt er mich? Habe ich ihn aus echter Freude und Wertschätzung, oder aus Gewohnheit, Angst vor Mangel oder dem Bedürfnis nach Status? Indigenes Denken lädt uns ein, bewusste Hüter statt unbewusste Konsumenten zu werden.
Fazit: Die Freiheit der leichten Taschen
Die indigenen Kulturen lehren uns, dass wahre Freiheit nicht am Horizont des nächsten Kaufs wartet, sondern oft hinter uns liegt – in der Entscheidung, etwas nicht zu besitzen. Sie erinnern uns daran, dass jeder Gegenstand, den wir anhäufen, nicht nur physischen Raum, sondern auch geistige Energie und Sorge bindet. Indem wir uns von der Idee des Besitzens als Selbstzweck lösen und uns stattdessen als Teilnehmer in einem Kreislauf des Gebens, als Hüter vergänglicher Schätze und als bewusste Entscheider für „genug“ verstehen, gewinnen wir etwas zurück, das in unserer überladenen Welt unbezahlbar ist: Beweglichkeit, Klarheit und die Freiheit, unser Leben nach den Sternen und nicht nach den Ratenzahlungen auszurichten. Es ist eine Einladung, leichter zu reisen – durchs Leben.