Wenn wir an Russland denken, sehen wir oft die Kuppeln Moskaus oder die Paläste St. Petersburgs. Doch östlich des Urals erstreckt sich ein anderes, viel älteres Russland: ein gewaltiges Mosaik aus Landschaften und Kulturen, die seit Jahrtausenden im Einklang mit der rauen Schönheit Sibiriens und des Fernen Ostens leben. Von den Rentierhirten der Tundra bis zu den Fischern des Pazifiks bewahren indigene Völker wie die Korjaken, Tschuktschen, Nenzen, Ewenken und viele andere ein einzigartiges Erbe an Wissen, Spiritualität und Widerstandsfähigkeit. Diese virtuelle Reise führt dich in ihre Welt – eine Welt, die uns lehrt, was es bedeutet, an den Grenzen der bewohnbaren Erde zuhause zu sein.
Sibiriens indigenes Mosaik: Wer sind die „Kleinen Völker des Nordens“?
In Russland werden über 40 ethnische Gruppen offiziell als „indigene kleine Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens“ anerkannt. „Klein“ bezieht sich auf ihre Bevölkerungszahl (oft nur wenige tausend bis zehntausend Menschen), nicht auf ihre kulturelle Bedeutung. Sie gehören zu verschiedenen sprachlichen und kulturellen Familien:
- Tungusische Völker: Ewenken, Ewenen – berühmte, weit verbreitete Jäger und Rentierhirten der Taiga.
- Samojedische Völker: Nenzen, Enzen, Nganasanen – Experten des Lebens in der arktischen Tundra, Meister der Rentierzucht.
- Tschuktscho-Kamtschadalische Völker: Tschuktschen, Korjaken, Itelmenen – Bewohner der extremen Küsten- und Tundrengebiete Kamtschatkas und Tschukotkas.
- Paläosibirische Völker: Ein Sammelbegriff für sprachlich isolierte Gruppen wie die Jenissejer (Ket) oder die Niwchen auf Sachalin.
- Turkvölker im Süden: Wie die Tofalaren oder Schoren.
Trotz ihrer Unterschiede verbindet sie eine tiefe Bindung an ihre traditionellen Territorien und Lebensweisen.
Im Porträt: Drei faszinierende Kulturen im Rampenlicht
1. Die Tschuktschen: Herren der wandernden Herden
Die Tschuktschen (Eigenbezeichnung: Лыгъоравэтльэт/ Luoravetlan) bewohnen die Halbinsel Tschukotka am östlichsten Rand Russlands, gegenüber von Alaska. Sie teilen sich in zwei Hauptgruppen: die maritimen Tschuktschen, die auf den Walfang (vor allem Grauwale) und die Robbenjagd spezialisiert sind, und die tundrenen Tschuktschen, die riesige Herden von Rentieren hüten. Ihr Leben ist ein ständiger Kampf und Tanz mit den Elementen. Ihre traditionellen Behausungen, die Jaranga (ein kegelförmiges Zelt aus Rentierfellen), können innerhalb einer Stunde ab- und wieder aufgebaut werden – perfekt angepasst an die Mobilität, die das nomadische Leben erfordert. Ihr Animismus und Schamanismus ist von einer tiefen Verehrung für die Geister der Tiere, des Meeres und der Landschaft geprägt.
2. Die Korjaken: Zwischen Vulkanen und der Beringsee
Südlich der Tschuktschen, auf der wilden Halbinsel Kamtschatka, leben die Korjaken (Нымыланы). Auch sie unterscheiden zwischen sesshaften Küstenbewohnern und nomadischen Rentierhirten des Inneren. Die Küstenkorjaken sind geniale Fischer und Jäger der reichen Gewässer der Beringsee, bekannt für ihre kunstvollen Boote und ihre nachhaltigen Fangmethoden. Ihre Spiritualität ist eng mit dem Lachs und den Meeressäugern verbunden. Die Nomaden der Tundra folgen mit ihren Rentierherden den saisonalen Weiden. Sie sind berühmt für ihre kunstvollen Pelzbekleidungen und ihre komplexen Muster. Gemeinsam ist allen Korjaken ein reicher Mythenschatz, in dem der Rabe (Kutkh) oft als Trickster und Schöpferwesen auftritt.
3. Die Nenzen: Die Menschen am Ende der Welt
Die Nenzen (Ненэй ненэчэ‘) bewohnen die riesige arktische Tundra von der Halbinsel Kola bis zum Jenissei-Fluss – eines der unwirtlichsten Gebiete der Erde. Sie sind die Meister der Rentierzucht schlechthin. Ihre riesigen Herden sind die Grundlage ihres gesamten Lebens: sie liefern Nahrung, Kleidung (aus Fell), Material für Zelte (die Tschum, ähnlich der Jaranga) und Transportmittel (Rentierschlitten). Ihre jährliche Wanderung mit den Herden über hunderte Kilometer ist eine der letzten großen nomadischen Routen der Welt. Ihre Kultur ist reich an epischen Gesängen (Jarabts) und einer Spiritualität, in der jeder Hügel, jeder See und jedes Rentier eine Seele hat.
Die Herausforderungen: Zwischen Moderne, Klimawandel und Bewahrung
Das Leben dieser Völker war nie einfach, doch im 20. und 21. Jahrhundert kamen neue, existenzielle Herausforderungen hinzu:
- Sowjetische Politik und Zwangsassimilation: Die Kollektivierung, die Einrichtung von Internaten (wo Kindern ihre Sprache und Kultur ausgetrieben wurde) und die erzwungene Sesshaftmachung führten zu tiefen kulturellen Traumata und Identitätsverlust.
- Industrielle Ausbeutung: Ihr angestammtes Land ist reich an Rohstoffen (Öl, Gas, Metalle). Der industrielle Abbau zerstört sensible Ökosysteme, verseucht Flüsse und schränkt Weiderechte massiv ein – oft ohne ihre freie, vorherige und informierte Zustimmung.
- Der Klimawandel als akute Bedrohung: In der Arktis schreitet die Erwärmung dreimal schneller voran als im globalen Durchschnitt. Instabile Eisverhältnisse, unberechenbare Wettermuster und das Auftauen des Permafrosts bedrohen direkt die Rentierweiden, die traditionellen Jagd- und Reisewege und damit die gesamte Lebensgrundlage.
- Verlust der Sprache und des Wissens: Die jungen Generationen wandern oft in die Städte ab. Damit droht das mündlich überlieferte Wissen über Tierverhalten, Heilpflanzen und Navigationskunst für immer verloren zu gehen.
Was wir von diesen Kulturen lernen können
- Resilienz in Extremen: Ihr Überleben in solch harschen Umgebungen ist ein Meisterwerk der menschlichen Anpassungsfähigkeit, Intelligenz und Kooperation. Sie lehren uns, dass Wohlstand nicht in materiellen Gütern, sondern im Wissen und in der Beziehung zur Umwelt liegt.
- Nachhaltigkeit als Lebensprinzip: Ihre traditionellen Wirtschaftsweisen (z.B. Jagdquoten, wandernde Weidewirtschaft) sind Modelle für nachhaltige Ressourcennutzung, die über Jahrtausende funktionierten. Sie nehmen nur, was sie brauchen, und geben durch Rituale und Tabus etwas zurück.
- Gemeinschaft über alles: In einer Umgebung, in der ein Einzelner nicht überleben kann, ist der Zusammenhalt der Sippe oder des Lagers unverzichtbar. Entscheidungen werden oft gemeinsam getroffen, und die Alten werden als Träger des Wissens hoch geehrt.
- Eine spirituelle Geographie: Sie sehen die Landschaft nicht als leere Fläche, sondern als ein belebtes Netz von Orten, die mit Geschichten, Geistern und Regeln des Verhaltens erfüllt sind. Diese Haltung erzeugt einen tiefen Respekt und Schutzinstinkt für die Natur.
Wie wir respektvoll Anteil nehmen können
- Informiere dich aus seriösen Quellen: Suche nach Dokumentationen, Büchern und Musik von indigenen Künstlern und Aktivist*innen aus Russland selbst (z.B. die Sängerin Olga Letykai oder der Aktivist Sergey Haruchi).
- Unterstütze indigene Organisationen: Internationale NGOs wie „Cultural Survival“ oder „RAIPON“ (der Dachverband der indigenen Völker des Nordens in Russland) setzen sich für ihre Rechte ein.
- Sei ein bewusster Konsument: Hinterfrage die Herkunft von Rohstoffen. Die Nachfrage nach Öl, Gas und Metallen treibt oft die Zerstörung ihrer Territorien voran.
- Erkenne ihre Agentur an: Sie sind keine „sterbenden Völker“, die unsere Rettung brauchen, sondern resiliente Gemeinschaften mit eigenen Stimmen und Lösungsansätzen für die Krise der Moderne. Höre ihnen zu.
- Respektiere die kulturellen Grenzen: Ihre spirituellen Symbole, Rituale und Kleidungsstile sind kein Kostüm oder Dekor. Nähere dich mit demselben Respekt, den du für jede andere Weltreligion oder Hochkultur aufbringen würdest.
Fazit: Wächter der nördlichen Welt
Die indigenen Völker Russlands sind mehr als ein faszinierendes ethnographisches Thema. Sie sind die lebenden Wächter einer unermesslichen ökologischen und kulturellen Vielfalt. In einer Zeit, in der die Arktis im Fokus geopolitischer und wirtschaftlicher Interessen steht, sind ihre Stimmen und ihr jahrtausendealtes Wissen von unschätzbarem Wert – nicht nur für sie selbst, sondern für die gesamte Menschheit, die vor der Herausforderung steht, ein neues Verhältnis zur Natur zu finden. Ihre Geschichte ist eine von Widerstand und Anpassung. Ihre Zukunft hängt davon ab, ob die Welt bereit ist, ihnen zuzuhören und ihr Recht auf Selbstbestimmung, Land und kulturelle Entfaltung endlich zu achten. Diese Reise zu den Korjaken, Tschuktschen und anderen ist daher keine Reise in die ferne Vergangenheit, sondern eine dringend notwendige Erkundung unserer gemeinsamen Zukunft auf diesem Planeten.