🎤❄️ Die Sami und ihr Joik: Der Gesang, der mehr ist als nur Musik

Stell dir einen Gesang vor, der keinen Text im üblichen Sinne hat. Der nicht von einem Menschen, einem Rentier oder einem Berg erzählt, sondern der diesen Menschen, dieses Rentier, diesen Berg ist. Ein Gesang, der nicht zum Vergnügen komponiert wird, sondern als lebendiges Porträt, als akustische Seele eines Wesens oder eines Ortes. Das ist der Joik (sámisch: juoigan) der Sami, des indigenen Volkes des hohen Nordens Europas. Er ist eines der ältesten und tiefgründigsten musikalischen Phänomene Europas und eine radikale Herausforderung für unser westliches Verständnis von Musik. Dieser Artikel lädt dich ein, die Welt des Joik zu betreten – eine Welt, in der Klang nicht darstellt, sondern gegenwärtig macht.

Was ist ein Joik? Eine Annäherung an das Unbeschreibliche

Ein Joik ist kein Lied über etwas. Ein Joik wird etwas oder jemand. Traditionell wird gesagt: „Man joikt nicht über etwas, man joikt etwas.“ Wenn ein samischer Joiker einen Joik für einen Menschen anstimmt, ruft er nicht dessen Name oder beschreibt sein Aussehen. Stattdessen evozieren Melodie, Rhythmus und Klangfarbe die Essenz, den Charakter, die Präsenz dieser Person im Raum. Der Joik ist wie ein akustischer Zwilling, ein Klangwesen. Ebenso gibt es Joiks für Rentiere, für den Wind, für einen bestimmten See oder für die Aurora Borealis (Nordlicht). Er ist eine Form der intimen Beziehung und des Respekts.

Die drei Seelen des Joik: Funktionen und Bedeutungen

1. Der Joik als lebendiges Gedächtnis und Identitätsanker

Vor der schriftlichen Aufzeichnung war der Joik ein zentrales Mittel, um Wissen, Genealogie und Geschichte zu bewahren. Jeder Mensch konnte seinen eigenen persönlichen Joik haben, der ihn ein Leben lang begleitete und nach seinem Tod weitergegeben wurde, um ihn in Erinnerung zu halten. In einer Kultur, die tief mit Mündlichkeit verbunden ist, war der Joik ein „singendes Archiv“. Er speicherte nicht Fakten, sondern die emotionale und spirituelle Signatur einer Person oder eines Ereignisses. Durch das Joiken wurde die Verbindung zu den Ahnen lebendig gehalten.

2. Der Joik als Werkzeug der Verbindung und Kommunikation

Der Joik diente auch praktischen und sozialen Zwecken. Bestimmte Joiks konnten verwendet werden, um Rentiere zu beruhigen oder zu lenken. Andere fungierten als eine Form der nicht-verbalen Kommunikation über weite Entfernungen in der offenen Tundra, wo sich Klang kilometerweit trägt. Vor allem aber war er ein Werkzeug der tiefen empathischen Verbindung. Einen Joik für jemanden zu singen, bedeutete, sich ganz in dessen Wesen einzufühlen und es durch Klang zu ehren. Es war ein Akt der Liebe und Anerkennung.

3. Der Joik als spirituelle Praxis und BrĂĽcke zur nicht-menschlichen Welt

In der traditionellen samischen Spiritualität, die stark animistisch geprägt ist, ist die gesamte Natur beseelt. Der Joik ist ein Weg, mit diesen Wesenheiten – den Geistern der Berge, Tiere und Elemente – in Kontakt zu treten. Der Schamane (Noaidi) verwendete den Joik, um in Trance zu fallen und in die Welt der Geister zu reisen. Durch den spezifischen Joik eines Tieres konnte er dessen Kraft und Perspektive annehmen. Hier wird der Joik zu einer Technik der kosmologischen Partizipation, ein Schlüssel, um die Grenzen zwischen dem Selbst und der umgebenden intelligenten Welt aufzulösen.

Wie klingt ein Joik? Die musikalischen Merkmale

Für westliche Ohren kann der Joik zunächst fremd und archaisch klingen. Typische Merkmale sind:

  • Pentatonische Melodien: Oft basierend auf einer FĂĽnf-Ton-Skala, die sich organisch und zyklisch anfĂĽhlt.
  • Improvisation und Variation: Es gibt kein festes „StĂĽck“. Ein Joik wird jedes Mal neu interpretiert und den Emotionen des Moments angepasst, während seine Kernessenz erhalten bleibt.
  • Repetitive, spiralförmige Struktur: Statt einer linearen Entwicklung kehren Motive immer wieder, vertiefen sich und weben einen klanglichen Kokon.
  • Vokaler Ausdruck: Der Gesang nutzt oft eine gutturale, nasale oder kehlige Klangfarbe, „Stocken“ (StimmbrĂĽche) und rhythmisches Atmen als integralen Bestandteil des Ausdrucks.
  • Sparsame Begleitung: Traditionell wurde der Joik a cappella oder nur mit der samischen Rahmentrommel (Goavddis) gesungen, die den Herzschlag der Erde symbolisiert.

Der Joik heute: Widerstand, Renaissance und moderne Interpretation

Die Geschichte des Joik ist auch eine Geschichte des Überlebens. Über Jahrhunderte wurden die Sami und ihre Kultur, insbesondere durch christliche Missionare und assimilationistische Staaten, unterdrückt. Der Joik wurde als „teuflisch“ verboten. Doch er überlebte im Geheimen. Heute erlebt er eine kraftvolle Renaissance. Künstler*innen wie Mari Boine, Wimme Saari oder die Band The HU (die mongolischen Kehlkopfgesang mit modernen Sounds verbinden, ähnlich im Geist) haben den Joik auf die Weltbühne gebracht. Sie verbinden traditionelle Formen mit Jazz, Rock und Elektronik und nutzen ihn als Ausdruck moderner samischer Identität, des Stolzes und des ökologischen Bewusstseins. Der Joik ist zu einer mächtigen Stimme des kulturellen Widerstands und der Heilung geworden.

Was wir vom Joik lernen können – auch ohne ihn zu singen

  1. Zuhören als eine Form der Schöpfung: Der Joik lehrt, dass wahres Zuhören nicht passiv ist. Um einen Joik für etwas zu erschaffen, muss man tief und respektvoll zuhören – dem Menschen, dem Tier, dem Ort. Übe dieses tiefe Zuhören in deinem Alltag.
  2. Präsenz statt Beschreibung: Anstatt über etwas zu sprechen (zu urteilen, zu analysieren), versuche, seine Essenz gegenwärtig zu machen. Wie würdest du deinen besten Freund in einer Geste, einem Blick oder einem Klang „verkörpern“, statt ihn zu beschreiben?
  3. Klang als Beziehungsmittel: Erkenne die Macht von Klang und Stimme, um Beziehung zu stiften – nicht nur durch Worte, sondern durch Tonfall, Melodie und Präsenz. Deine Stimme kann trösten, stärken oder verbinden, jenseits des Gesagten.
  4. Die Welt als Zusammenspiel von Subjekten sehen: Der Joik basiert auf der Idee, dass alles ein „Du“ mit einer eigenen inneren Wirklichkeit ist. Übe, die Natur und auch Mitmenschen nicht als Objekte, sondern als Wesen mit einer eigenen „Melodie“ wahrzunehmen.
  5. Kultur als lebendigen, sich wandelnden Fluss verstehen: Der Joik zeigt, dass Tradition nicht das starre Kopieren der Vergangenheit ist, sondern ein lebendiger Fluss, der die Gegenwart nährt und sich für die Zukunft öffnet.

FĂĽr wen ist der Joik eine besondere Entdeckung?

  • Musiker und Klangschaffende: Die nach den UrsprĂĽngen und der spirituellen Dimension von Musik suchen und nach Wegen jenseits westlicher Harmonielehre.
  • Menschen auf spiritueller oder meditativer Suche: Die nach Praktiken suchen, die Geist und Körper verbinden und einen direkten Zugang zu nicht-gewöhnlichen Bewusstseinszuständen ermöglichen.
  • Interessierte an europäischer indigener Kultur: Die ĂĽberrascht sind, dass es auch in Europa ein lebendiges indigenes Volk mit einer so tiefen Tradition gibt.
  • Alle, die das GefĂĽhl haben, dass unsere Sprache oft zu kurz greift: Die nach Ausdrucksformen jenseits von Worten suchen, um tiefe Emotionen, Verbundenheit oder Ehrfurcht auszudrĂĽcken.
  • Liebhaber der nordischen Natur und Mythologie: Die die Kultur der Arktis und Subarktis tiefer verstehen wollen.

Häufige Fragen zum Joik

Darf ich als Nicht-Sami Joiken?
Das ist eine sensible Frage. Das unreflektierte Nachahmen oder Aneignen des Joik als bloßes exotisches Stilmittel wäre respektlos. Der respektvolle Weg ist, sich zuerst bilden und zuhören. Lerne von samischen Künstlern, unterstütze sie und verstehe die Geschichte des Joik. Wenn du dann von der Praxis zutiefst berührt bist, kannst du nach Möglichkeiten suchen, unter Anleitung oder in Zusammenarbeit mit samischen Trägern des Wissens zu lernen. Es geht um Haltung, nicht um Besitz.

Kann man einen Joik fĂĽr sich selbst haben?
Traditionell wurde ein persönlicher Joik oft von einem anderen für einen komponiert, als Geschenk oder zur Geburt. Heutzutage finden auch Sami selbst zu ihrem eigenen Joik. Die Idee eines Joik als einzigartiger „Klangseele“ bleibt zentral. Es ist weniger ein selbstgewähltes Lied als ein erklingendes Wesen, das einen widerspiegelt.

Ist jeder samische Gesang ein Joik?
Nein. Die Sami haben auch andere Gesangsformen, wie Lieder (lavllo) mit erzählendem Text. Der Joik ist spezifisch durch seine nicht-narrative, evokative und wesensbezogene Qualität definiert.

Fazit: Das Echo der Seele der Welt

Der samische Joik ist mehr als Folkloremusik. Er ist ein lebendiges Testament an eine Weltsicht, in der alles – Mensch, Tier, Berg, Wind – eine singende, erklingende Seele hat. In einer Zeit der Lärmbelastung und oberflächlicher Kommunikation erinnert uns der Joik an die ursprüngliche Kraft des Klangs: zu erinnern, zu verbinden, zu heilen und Wesenheiten ins Dasein zu rufen. Er ist eine Einladung, die Welt wieder als ein vielstimmiges Konzert von Subjekten zu hören, in dem auch wir unsere einzigartige Stimme haben – nicht um lauter zu sein als andere, sondern um unseren eigenen, authentischen Klang in das große Lied des Lebens einzubringen. Höre hin. Vielleicht hörst du schon bald mehr als nur Töne.

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2025 wird das dark rose zum heißen männer dschungel :.